Liebeserklärung an den Alltag!

  • Mittwoch, 01 Juli 2015 00:00
  • geschrieben von  Steffi

Als sich ein befreundetes Paar im Bekanntenkreis einer Freundin nach über 10 Jahren getrennt hatte, beziehungsweise er sich von ihr getrennt hatte, war meine Freundin völlig entsetzt. Aber weit weniger von der Trennung, als von einem ganz anderen Aspekt. Sie fand es nämlich absolut schrecklich, dass man von heute auf morgen einfach das gemeinsame Leben und damit auch den gemeinsamen Alltag fallen lassen konnte. Ab einer bestimmten Zeit, so war sie der Meinung, sei es doch dem anderen gegenüber einfach nicht mehr fair, ihn zu verlassen. Man habe gemeinsame Freunde, eine Routine, an der man gerne festhält und so viele Kleinigkeiten, die das Leben bisher ausgemacht hätten.

Zunächst nur irritiert von deren luftigen Outfits, unter anderem in Form von T-Shirts, (es lag noch Schnee), verlor ich dann aber beinahe die Kontrolle über mein Auto, denn die beiden waren barfuß unterwegs. Weiß jetzt auch nicht so genau, was sie denn für eine Erwartung an die Sonne an diesem Tag hatten.

Ich habe sehr lange darüber nachdenken müssen, was sie gesagt hatte. Und tue es eigentlich bis heute immer wieder. Anfangs war ich von ihrer Meinung überrascht, fand sie beinahe etwas erschreckend. Zusammenbleiben, nur weil man sich einen gemeinsamen Alltag aufgebaut hat? War dies nicht häufig genau der Grund, warum sich Paare trennten? Eben weil man doch „nur“ noch einen gemeinsamen Alltag hatte, die Liebe dabei aber irgendwann auf der Strecke geblieben war. Damals versuchte ich ihr noch zu erklären, dass ich es völlig in Ordnung finden würde, dass sich ein Partner entschließt zu gehen, weil man nicht nur der Dauer oder den Gemeinsamkeiten wegen bleiben könne. Wenn dies so sei, wäre das ja eigentlich sehr traurig.

Inzwischen weiß ich nicht, ob ich immer noch so argumentieren würde. Seit diesem Gespräch habe ich nämlich angefangen, meinen eigenen Alltag genauer zu beobachten. Nicht selten hört man dabei sich und andere sagen, nur raus aus dem täglichen Allerlei, ab in den Urlaub oder ins Wochenende.

Aber warum ist das Wort „Alltag“ nur so negativ behaftet?

Im Prinzip gestalten wir unser Dasein doch selbst. Klar, wir müssen täglich arbeiten gehen, aber auch hier traf man einst selbst die Entscheidung, was man erlernen möchte. Und in unserer Freizeit sind wir dann doch auch unser eigener Chef. Diesen Posten teilen wir in einer Beziehung später dann mit dem Partner, aber immerhin hat man selbst in der Hand, was man sich gemeinsam aufbaut. Zu Beginn schwebt man natürlich auf einer rosaroten Wolke, umgeben von flatternden Schmetterlingen. (Auf letztere könnte ich übrigens verzichten, finde Schmetterlinge nämlich schrecklich, aber die rosarote Welt gefällt mir super.) Vielleicht bin ich zu sehr Realist, aber mir war immer klar, dass dieser Zustand nicht unendlich lange anhalten würde. Nicht weil man das Interesse aneinander verliert, aber man arbeitet doch auf mehr zu, auf ein gemeinsames Leben und Entscheidungen. Irgendwann kommt eine gemeinsame Wohnung und wer möchte auch eine Ehe und Kinder. In den Urlaub fahre ich selbstverständlich gern, auch um etwas anderes zu sehen und zu erleben, aber meinen Alltag würde ich trotzdem nicht missen wollen. Seit jenem Gespräch habe ich natürlich viel mehr darüber nachgedacht, worauf ich ohne Partner verzichten müsste, abgesehen von ihm selbst.

Und es wären all die kleinen Dinge, die einen jeden Tag miteinander verbinden.

Das gemeinsame Kochen, Diskussionen, wer sich nur selten am Haushalt beteiligt oder wieder einmal vergessen hat, etwas einzukaufen. Ich freue mich, wenn mein Partner weiß, wie ich meinen Kaffee gerne trinke, dass ich ohne regelmäßiges Essen unerträglich werde und meist Recht habe. Und genauso schätze ich es, wenn wir Unternehmungen an Orte, Restaurants oder zu Freunden machen, weil wir es beide gern tun. Anrufe in der Mittagspause oder der wöchentliche Lebensmitteleinkauf inklusive Grundsatzdiskussion, was gekocht wird, ich will darauf ebenso wenig verzichten, wie auf so viele andere Dinge unseres gemeinsamen Lebens.

Man muss also nicht zusammen bleiben, weil man es schon lange ist, man kann aber zusammen bleiben, weil man sich etwas Gemeinsames aufgebaut hat. Und wer sich jetzt über meinen emotionalen Moment wundert, keine Sorge, den habe ich nur ein bis zweimal im Jahr. Aber so eine Liebeserklärung darf zwischendurch auch mal sein.

 

Text: Stefanie Lehnert

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