Lieber hippe Oma, als ölige Kim.

  • Mittwoch, 31 Dezember 2014 00:00
  • geschrieben von  Steffi

Mit großen, ungläubigen Augen schauen mich meine Nachhilfeschüler an. Minutenlanges Schweigen, verstohlene Blicke zum Sitznachbarn, unruhiges hin und her Rutschen auf den Stühlen. Keine Sorge, ich hatte keine unangebrachte, peinliche Gruselgeschichte aus meinem Leben erzählt. Man könnte es eher unter dem Titel „Ein Land vor unserer Zeit“ verbuchen.

Ich hatte meinen super-hippen und modernen Schülern lediglich vermitteln wollen, dass es mal eine Zeit ohne Internet gegeben hatte. Und ich war sogar dabei gewesen (war ein eher schlechtes Erzähldetail, da mich die meisten bis dato für eine hippe 20-Jährige hielten – diese Zeiten sind nun definitiv vorbei). Wir haben mit einem Telefon (mit Kabel), der Post und eventuell einem Faxgerät miteinander kommunizieren müssen. Bis zum Punkt „persönliche Gespräche“ bin ich gar nicht gekommen.

 

Die Geschichte sorgte für blankes Entsetzen.

Anfangs war ich eher belustigt, dass ich mich dabei tatsächlich ein bisschen wie meine Großeltern gefühlt hatte, die mit noch weniger technischem Fortschritt aufgewachsen waren als ich und sich auch bis heute nicht wirklich mit der Generation Smartphone anfreunden können. Und ich war gleichzeitig ein bisschen stolz, dass ich mitbekommen habe, wie sich das Internet entwickelt hat. Aber vor allem war ich stolz darauf, dass ich noch immer weiß, wie sich eine Welt ohne anfühlt. Ich habe meine liebevoll geschriebenen Briefe noch selbst zur Post getragen und ungeduldig auf eine Antwort meiner Brieffreundinnen gewartet. Urlaubsbilder mussten entwickelt werden, die Vorfreude schien unendlich groß, da durfte es dann auch mal die teure Express-Entwicklung sein. Meine Bücher habe ich aus der Bibliothek ausgeliehen, samstags gab es in der Tageszeitung eine Rätselseite für Kinder und Jugendliche und zu Hause kommunizierte man mit der besten Freundin in einer Geheimsprache, weil das Telefonkabel nun mal nicht bis ins eigene Zimmer reichte.

Wer mich kennt, weiß, dass ich mich sehr schnell an Internet, Smartphone und neue Medien gewöhnt habe. Mein iPhone würde ich noch vor Kater und Freund aus einem brennenden Gebäude retten (selbstverständlich nur ein Spaß, wirklich!). Aber ich musste schließlich auch den mühsamen Weg ohne gehen. Heutzutage bekommt man vermutlich ein Early Bird Special (der-frühe-Vogel-fängt-den-Wurm-Angebot), wenn man pünktlich zur Geburt seines Nachwuchses einen Smartphone-Vertrag mit Allnet-Flat für ihn abschließt. Natürlich genieße ich es, dass ich theoretisch nie vom Sofa aufstehen müsste, um mir so gut wie alle Dinge des täglichen Lebens liefern zu lassen oder mit dem Rest der Welt in Kontakt treten zu können.

 

Aber ich finde, diese Bequemlichkeit sollte man sich verdienen. Oder lernen sie zu schätzen.

Bei Kleidung, Accessoires oder auch der Wohnungseinrichtung ist Retro total angesagt (kenn ich mich als fast 20-jährige, hippe Person auch super aus). Es sollte also auch wieder hipp sein, einen Brief zu schreiben, Fotos auf Papier auszudrucken, die Tageszeitung ab und an zu lesen (in Papierform) oder ein  richtiges Buch (auch Papierform) in die Hand zu nehmen. Und im persönlichen Gespräch mit seinen Mitmenschen erfährt man mindestens genauso viele interessante Neuigkeiten wie beim Chatten. Und sind wir mal ehrlich. Es hätte mir völlig gereicht, nur zu hören, dass Kim Kardashian nun als öliges Nacktmodel zu bewundern ist. Damit hätte ich beim Surfen nun wirklich nicht überrascht werden müssen. In Großaufnahme. Und Detailbildern.

Text: Stefanie Lehnert

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