Du bist bunt!

  • Dienstag, 01 April 2014 00:00
  • geschrieben von  Steffi

„Hast du heute Geburtstag?“. Erstaunt schaue ich mich nach allen Seiten um. Nein, ich scheine die einzige Person zu sein. Verpasst habe ich meinen Geschenke-tag sicher nicht. Meine Wunschliste wird Monate im Voraus erstellt und publik gemacht. „Ähm nein, warum?, antworte ich also irritiert“. Antwort: „Du trägst heute ein Kleid. Deswegen.“ Eigentlich habe ich meine Kleidung bisher schon sehr sorgfältig ausgewählt, aber vielleicht sollte ich mich zusätzlich noch an internationalen Feiertagen orientieren und an gewöhnlichen Tagen auch nur gewöhnliche Kleidung tragen. Kürzlich wurde ich mit den Worten „Du bist heute aber bunt“ begrüßt.

Das einzig Bunte an mir war eine mehrfarbig gestreifte Wolljacke. Die nächsten Tage trug ich jeweils nur eine Farbe - allerhöchstens kombiniert mit Abstufungen der selben Farbe.

Unter allen Umständen wollte ich größere Unruhen vermeiden. Hoffentlich unternehmen meine Mitmenschen in ihrem Leben nur wenige Ausflüge in die Großstadt. Wer weiß was mit ihren Herzen passiert bei all den bunten, geburtstagsfeiernden Menschen. Hier auf dem Land sind die Worte zeitgemäß und eigener Stil noch nicht so weit verbreitet. „Sie trägt ein Kleid und hat nichts zu feiern?


So etwas Exotisches kennen wir hier nicht!
Auch wenn das „Landleben“ eigentlich eine ganz zivilisierte große Kreisstadt ist.


Und eines könnt ihr mir glauben, exotisch ist an meinem Äußeren nun wirklich rein gar nichts. Es sei denn, eine Sonnenbrille im Winter tragen gehört sich auch nicht. Denn dabei wurde ich auch schon ertappt. Im Dezember. Bei Schnee und Sonnenschein. Hatte die sofortige Frage zur Folge, ob der Sommer bei mir schon ausgebrochen sei.


Angepasst und unscheinbar ist hier einfacher als individuell sein.

Das trifft allerdings auch auf den regionalen Veranstaltungskalender zu. Stadtfeste, Bierzelte, Ü30-Partys oder die alljährlichen Turnhallen-Faschingsfeiern - wer nicht mitkommt gilt als langweilig. Gesellig sein wird danach definiert, wohin alle gehen. Wer nicht mit verschwitzten Menschen auf einer Bierbank einen Aprés- Ski-Hit grölen möchte, der ist raus. Exotisch sind nicht die verzweifelten Ü30-Party-Marathon-Singles, sondern derjenige, der noch ein bisschen Menschenverstand und Geschmack besitzt. Und da haben wir es schon. Geschmack wird heute leider oft an Menge festgemacht.

Wenn alle über Mario Barth lachen, dann ist er witzig. Wenn sich Millionen Deutsche Casting-Shows anschauen, müssen diese gut sein. Und weil im Sommer die WM auf dem Spielplan steht, sind wir schon jetzt alle schwarz-rot-gold-geil. Und wenn man widerspricht? Ungläubige Gesichter, ratlose Blicke: Alle mögen es doch, dann ist es doch auch super. Oder? Das oder hält nicht lange an. Mitlaufen ist besser als alleine laufen. Mitdenken aber nicht. Wer muss schon denken können, wenn es andere für einen tun. Gerne wird die Gemeinschaft in ländlichen Gegenden der Anonymität in Großstädten vorgezogen.


Ich wünsche mir aber an den meisten Tagen etwas mehr Schweigen.

Ich möchte nicht alles kommentiert wissen, was für das ländliche Auge ungewöhnlich aussieht. Und ich möchte selbst entscheiden, wann und wo ich zur Spaßkanone mutiere. Es beruhigt mich aber jeden Tag aufs Neue, dass sich eine Gemeinschaft von Verrückten schließlich selten für solche hält. Unter Gleichgesinnten fühlt man sich schließlich normal. Und ich? In diesem Fall bin ich dann gern der Exot :)

Text: Stefanie Lehnert

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