Wo sind die Ponys?

  • Montag, 01 April 2013 00:00
  • geschrieben von  Steffi

Viel Zeit habe ich eigentlich nicht. Ich bin gerade dabei mir einen Bauernhof zu kaufen. Stressige Sache. Eigentlich hatte ich nie vor, mich in die ländliche Thematik einzuarbeiten. Der Anblick eines idyllischen Farmhauses ist zweifellos sehr schön. Im Fernsehen. Bei Bauer sucht Frau. Vollkommen ausreichend. Schön anzusehen, vollkommen geruchlos.

Aber jetzt muss ich handeln. Der Landwirt und sein großer Bruder, die Lebensmittelindustrie, scheinen gerade ein paar Schwierigkeiten bei der Produktion zu haben.

Und das inzwischen nicht nur bei meiner Lieblingslasagne. Bei Bauer Horst in der Nachbarschaft brauche ich sicher nicht mit einem selbstgemalten Plakat demonstrieren. Der macht einen vertrauenswürdigen Eindruck. Sein Hofhund nicht, aber der wird auch mal alt. Außerdem hat der Horst noch alle seine Pferde –  

 

ICH HABE NACHGEZÄHLT.

So, und jetzt ziehe ich die Sache alleine durch. So viel Stress können Eier, Lasagne und ein leckerer Wurstaufschnitt doch nicht machen. Am liebsten würde ich wutentbrannt einen Brief nach dem anderen schreiben. Inhalt: Wütende Worte und eine Pferdelasagne, die sich beim Öffnen im Gesicht der Schuldigen verteilt. Und dieses dumme Argument, dass man für 1,30 Euro kein hochwertiges Gericht bekommen kann, möchte ich auch nicht mehr hören. Sonst werfe ich eine Pferdelasagne. Treffen kann ich, versprochen.

Natürlich ist es eine Schande, dass viele Lebensmittel zu viel zu niedrigen Preisen verkauft werden. Es ist nicht in Ordnung, dass zehn Eier weniger kosten als ein einziger Apfel. Aber wenn Rind auf der Verpackung steht, dann möchte ich Rind.

Wenn Bio-Ei auf der Verpackung steht, dann möchte ich ein Bio-Ei. Dann möchte ich, dass die Henne meines Vertrauens vor der Frühstücksei-Produktion noch einen ausgiebigen Spaziergang machen konnte. An der frischen Luft. Und wenn sich nunmal kein Rind für 1,30 Euro in die Lasagne packen lässt, dann muss die Lasagne eben mehr kosten. Dann darf dafür kein ausgedientes Pony verarbeitet werden.

Ich gehe doch auch nicht ins Restaurant, bestelle einen fangfrischen Hummer und lasse mich mit Fischstäbchen abservieren. Nur weil fangfrischer Hummer zum günstigen Preis in der Karte nicht möglich ist. Das wäre der letzte Arbeitstag des Kellners gewesen. Es ist einfach unfair, dass in der Herstellung derart betrogen wird und am Ende schiebt man dem Konsumenten die Schuld in die Schuhe. Der liebe Einkäufer möchte eine günstige Lasagne, dann bekommt er halt Pony. Ich bezahle gern dafür, dass ich bekomme, was mir versprochen wird. Und bis dato ist mir nicht bekannt, dass eine ausgewogene Ernährung unbezahlbar wäre. Das allseits beliebte Argument, gute Lebensmittel wären unbezahlbar, lasse ich nicht gelten.

Mein Kontostand bewegt sich gegen Mitte des Monats auch immer überraschend schnell gegen Null, aber bisher lag das sicherlich nicht nur an zu hohen Lebensmittelkosten. Wenn wir ehrlich und kritisch den vergangenen Monat Revue passieren lassen, dann sind auf jeden Fall einige Ausgaben dabei, die nicht unbedingt notwendig gewesen wären. Ich bin mir sicher, dass sehr viele Menschen, gern mehr Geld für gute und gesunde Qualität ausgeben würden.

Auch ich habe gern mehr für mein Bio-Ei bezahlt. Aber seit ich weiß, dass meine Henne keinen ausgiebigen Spaziergang unternehmen konnte, ist mein Vertrauen schon ganz schön angeknackst. Das sollen die erst einmal wieder herstellen. So lange vertraue ich nur mir selbst. Oder Bauer Horst.

Inzwischen habe ich mir nämlich die Bauernhof-Angebote durchgeschaut. Nicht sehr vielversprechend. Meistens ist der seit langem allein lebende, urige Bauer gleich inklusive. Mit landesweit ausgestrahlter Kennenlern-Sendung.

Nein, danke. Ich lege meine Bauernhof-Pläne vorerst zur Seite. Dafür ziehe ich meine neuerworbenen Outdoor-Schuhe an und schaue mal bei Horst vorbei. Vielleicht kann ich mit den Hennen eine Runde Gassi gehen. Oder den Rindern ein paar nette Worte zuflüstern. Kommt ja alles meiner Lasagne zu Gute. Außerdem wollte ich den Horst fragen, warum seine Obst- und Gemüse-Ernte so gut klappt.

Und sollte eines seiner Ponys je unter mysteriösen Umständen verschwinden, werde ich gleich Alarm schlagen. Nämlich hier.

Text: Stefanie Lehnert

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